• andreas0102

Königsspitze - Canale delle Pale Rosse


Königsspitze, Skitour, Canale delle Pale Rosse, Südrinne, Ostrinne

Ein pfeifen und klappern, begleitet uns durch die Nacht. Es ist das unverwechselbare Geräusch des Windes, der am Bivacco Cittá di Cantu zerrt und rüttelt. Das Biwak steht direkt in der Scharte zwischen dem Ortler und dem Zebru – dem sogenannten Hochjoch. Einem geschichtsträchtigen Ort, der in der Zwischenzeit quasi in Vergessenheit geraten war. 1901 wurde genau an dieser Stelle der damals höchstgelegene Bau der Ostalpen auf 3.535 Metern eingeweiht. Die Hochjochhütte (oder Berliner Hütte am Hochjoch) wurde unter enormen Kraftaufwand errichtet und bot Platz für 16 Personen. Alle Materialien wurden ohne technische Hilfsmittel über 2.200 Höhenmeter durch eine wilde Gletscherlandschaft und hochalpines Gelände herbeigeschafft. Mit dem Ausbruch des Gebirgskrieges 1915 wurde die Hütte jedoch von der italienischen Artillerie unter Beschuss genommen und zerstört. Nach Ende des ersten Weltkrieges wurden die Überreste Eigentum des CAI (Club Alpino Italiano), der die Hochjochhütte jedoch nicht wiederaufbaute. Erst 1972 errichtete die Sektion der Stadt Cantu auf den Grundmauern der zerstörten Hütte eine Biwakschachtel aus Metall. 2015 wurde diese Biwakschachtel durch eine komplett neue ersetzt und kann heute zu den komfortabelsten Biwakschachteln der Alpen gezählt werden. Neben zahlreichen Decken, Betten für 9 Personen und einem großen Tisch gibt es auch noch Strom und sogar elektrisches Licht. Deshalb liegen wir so entspannt im Inneren des Biwaks und lauschen den Kräften der Natur – wohl wissend, dass wir mit Anbruch des Tages unseren gemütlichen Unterschlupf verlassen müssen.


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Mein Wecker klingelt um 4 Uhr, innerlich fluchend, dass ich mich am Abend vorher bereit erklärt habe für alle Schnee zu schmelzen krieche ich aus dem Schlafsack und tappe hinaus in die kalte Nacht um das nötige Material dafür aus der steinhart gefrorenen Schneedecke zu brechen. Um 5 Uhr trifft es dann auch Armin, Tobi und Janluca mit dem Aufstehen und sie setzen sich zu mir an den Tisch. Wir frühstücken, füllen unsere Flaschen auf und packen unsere Rucksäcke. Pünktlich um 6 Uhr drehen wir die Stromversorgung wie in der Beschreibung des Biwaks vorgesehen ab, schließen die Türen ordentlich und steigen die paar Meter bis zum Beginn des Gletschers ab.



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Im Schein der Stirnlampen und der ungemütlichen Gesellschaft eines eisigen Nordwindes schnallen wir die Skier an und fahren leicht durchgefroren über den Zebru Ferner ab bis auf knapp unter 3.000 Meter Seehöhe. Im leichten Schein der frühen Morgendämmerung fellen wir auf.



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Eingepackt in so ziemlich allem was wir zum Anziehen dabeihaben folgen wir dem östlichen Arm des Zebruferners in Richtung Cima delle Miniera. Es geht sanft ansteigend dahin. Ein gigantischer Felsriegel kesselt den Zebruferner vom Gipfel des Zebru über das Suldenjoch bis zur Cima della Miniera ein. Dazwischen gibt es eine schmale Schneerinne, die auf den Passo della Miniera führt – unserem Übergang auf den Minieragletscher. Mit den Skiern auf dem Rucksack und den Steigeisen auf den Skischuhen stapfen wir die 150 Höhenmeter empor.


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Dahinter geht es zunächst über eine steile Schneeflanke hinunter. Wir schnallen unsere Ski wieder an und stehen kurz darauf über einem Felsabbruch. Wir waren etwas zu weit rechts (in Abfahrtsrichtung) abgefahren. Wir probieren es etwas weiter links und stoßen kurz darauf auf den mit Drahtseilen abgesicherten Sommerweg, der uns das kurze Schneefreie Stück problemlos überwinden lässt.


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Nächster wichtiger Wegpunkt, der nun direkt wenige hundert Meter vor uns liegt ist das Col Pale Rosse. Dieses breite Joch verbindet den Minieragletscher mit dem Gran Zebru Gletscher. Wir wollen jedoch nicht hinter der Scharte in Richtung Pizzinihütte abfahren, sondern über die Südrinne auf die Königsspitze aufsteigen. Der fast ausschließlich von Italienern besuchte Anstieg des Canale delle Pale Rosse beginnt direkt auf dem gleichnamigen Joch und ist von Südtiroler Seite aus nur über lange Umwege zu erreichen.


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Erneut werden die Skier auf die Rucksäcke geschnallt und die Steigeisen montiert. Mit je 2 Eispickeln nehmen wir die etwa 450 Höhenmeter in Angriff, die es durch die Rinne - welche eher einer Flanke gleicht - zu überwinden gilt. Mit Steilheiten von etwa 50° ist dieser Anstieg bei guten Verhältnissen ohne große Überraschungen machbar. Doch an dieser Seite der Königsspitze hat der Wind die großen Schneemassen vom Dezember längst verfrachtet und recht wenig in der Flanke gelassen. An einigen Stellen haben wir Kontakt mit den brüchigen Felsen, die wir vorsichtig überklettern. Von unten sieht die Rinne wesentlich kürzer aus, als sie sich bis zum Ende präsentiert. Doch irgendwann ist das Ende direkt vor uns.


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Die letzten Meter geht es auf den schmalen Firngrat. Der Gipfel ist zwar nur wenige Meter entfernt - der Grat dazwischen aber ist messerscharf und stark überwechtet. Wir entscheiden uns nicht den schwierig einschätzbaren Weg über den