Monte Agner - Nordkante (VI+)

1600 Meter Wandhöhe - die längste Route der Dolomiten


Ein Abenteuer das man lange genießen kann: Die Nordkante am Monte Agner. Der Routenverlauf ist nicht schwierig zu finden, da er sehr logisch dem einfachsten Weg entlang der Kante folgt. Und im unteren Teil, wo es in einen Kampf Mensch gegen Latschenkiefer ausartet finden sich stets Pfadspuren und eine kleine Gasse durch das Ästegewirr.


Alpinklettern an der Agner Nordkante

Unser Plan : Am Freitag arbeiten bis Mittag, dann direkt ins Valle di San Lucano fahren und klettern so lange es hell ist. Einen der schönen Biwakplätze nutzen und am zweiten Tag bis zum Gipfel klettern. Die gesamte Route an einem Tag, inklusive Abstieg und zurückstoppen zum Auto ist ein gesalzenes Tagespensum und nur für sehr schnelle und fitte Seilschaften zu empfehlen.

Routenverlauf - Monte Agner Nordkante

Die Schäden des Sturmes vom Herbst 2018 sind überall deutlich sichtbar und es wird noch viele Jahre dauern bis sich die Natur von diesem Ereignis erholen wird. Vor allem „unwichtigere“ Infrastrukturen wie Wege und Steige sind noch viele die bisher nicht wieder instand Gesetzt wurden. Natürlich auch der wenig frequentierte Weg auf das Bivacco Cozzolino, das als Ausgangspunkt für viele Routen an der Agner Nordwand und den umliegenden Gipfeln dient. Es ist recht mühsam sich einen Weg durch die kreuz und quer liegenden Bäume zu erkämpfen. Erst nach einer halben Stunde sind wir auf einer Höhe angelangt, wo die Bäume dem Wind trotzen konnten und sind wieder auf den eigentlichen Zustiegsweg gestoßen.

Schäden des Sturmes vom Herbst 2018

Von da an ging es dann recht zügig zum Einstieg. Knapp 1.5 Stunden anstatt der üblichen 1 Stunde haben wir aufgrund der Sucherei gebraucht.





Kurz vor dem Einstieg gilt es noch eine brüchige und sandige Rinne hochzuklettern, die etwas unangenehm ist. Sobald man an der Scharte ist, ist nach 10 Metern rechts der Einstieg mit einem verblassten Pfeil markiert.





Die erste Seillänge der Agner Nordkante - oft nass

Die ersten Seillängen sind oft nass und einige Steine die nur so in der Erde stecken halten kaum das anschauen aus ohne den Weg in die Tiefe anzutreten. Dafür gibt es ein reiches Angebot an Latschenästen die als Griffe herhalten. Alles was dicker als ein Daumen ist wurde ohne Kompromisse voll belastet. So geht es in 4SL in einem Mix aus Fels, Gras und Latschenkletterei nach oben. Stand an irgendeiner vertrauenswürdig ausschauenden Latsche.



Danach folgt eine einfache Länge im sandigen Bruch leicht schräg nach rechts, bevor es rechts in einer Verschneidung wieder festen Fels zwischen die Finger gibt. Vor einer weiteren Verschneidung kann man Stand an zwei Nägeln machen und dann entweder wie im Topoguide Topo durch die zweite Verschneidung oder einfacher nach links auf eine Kant queren und dort direkt in den nächsten Latschenwald hineinklettern. Stand wie gehabt: Latschen.


Es folgt senkrechte (zu unserer Freude zusätzlich noch komplett durchnässte) Erde, gemischt mit viel Gras und links und rechts die bereits bewährten Latschengriffe. Wenn dieses Gelände trocken ist, kann es gut ohne Seil geklettert werden. Nach knapp 50mt. wird wieder Stand an einem morschen Baum gemacht. Ab hier wird das Gelände etwas flacher und einfacher. Es gilt lediglich einem kleinen Pfad durch die Latschen zu folgen und man kann schnell einige Meter hinter sich bringen. Auf einer kleinen Lichtung gelangt man schließlich zum ersten guten Biwakplatz in dieser Tour. Da wir noch weitere 2 Stunden Tageslicht nutzen wollten entschieden wir uns gleich weiterzumachen.

Kurze Felspassagen zwischen viel Botanik im unteren Wandteil

Am Gelände ändert sich zunächst nichts. Hin und wieder ist ein kleiner Felsaufschwung zu erklettern bevor es wieder mit Hand und Fuß gegen die aufdringlichen Latschen geht. Nach einer halben h gelangt man schließlich an eine Art Felsgrat.


Hier haben wir das Seil wieder ausgepackt und haben das Stück entlang des Felsrückens (meist wird oben am Grat oder leicht links davon geklettert) wieder gesichert. Am Ende dieser Felspassage findet sich ein perfektes Biwakplätzchen direkt im Schutz einer leicht überhängenden Wand. Es markiert gleichzeitig das Ende der ersten Gratschulter und den Beginn des 2. Aufschwungs. Es ist bereits 20 Uhr und wir entschließen uns hier unser Nachtlager aufzuschlagen.

Morgenstimmung an Beginn des 2. Grataufschwungs

Am nächsten Morgen sind wir direkt an der Kante hoch. In einigen Topos findet sich der Hinweis nach links zu queren und über, zwar einfacheres, aber brüchiges Gelände nach oben zu klettern. Oberhalb dieser Passage war es zu einem Felssturz gekommen und hat den darunterliegenden Bereich in Mitleidenschaft gezogen.

Die erste Ver Länge am 2. Grataufschwung

Direkt an der Kante geht es in einer IVer Länge nach oben und dann etwas nach links in wieder leichtere Passagen. So geht es 2 Seillängen (III) links der Kante nach oben bis zu einem Absatz vor einem steilen Aufschwung. Die folgende steile Seillänge (V) verläuft direkt an der Kante. Stand wiedermal bei einer Latsche. Dann kann das Seil wieder zusammengepackt werden: Es geht nochmal durch Latschen und kleineren Aufschwüngen (max. III) ca. 150mt. nach oben, bis man zu einem wunderschönen Biwakplatz auf der 2. Kantenschulter kommt.

Wunderschönes Biwak auf der 2. Gratschulter

Markant ist eine einzelne Lärche die hier oben die Stellung hält. Zudem ist der Platz durch einen großen Stein geschützt und ein Alpenrosenfeld macht das Ganze richtig idyllisch, fast schon kitschig (2h vom Beginn des 2. Aufschwungs). Hier machen wir eine kurze Pause zum Frühstücken.


Wir steigen noch ca. 100mt. in einfacherem Gelände (II) ohne Seil empor bis wir uns unterhalb von 3 markanten Risskaminen befinden. Lt. Topo gibt es 3 Möglichkeiten: die einfachste davon ist die mittlere Variante. Aus irgendeinem Grund ergibt sich das Gelände so, dass wir im linken Riss landen und uns in 2 richtig schweren Seillängen leicht überhängend nach oben kämpfen.

Risskamine oberhalb des Biwaks

Im Nachhinein betrachtet waren das die 2 schwersten Längen der gesamten Tour. Nach der ersten der beiden Längen wird Stand an einem alten Nagel und einem Köpfl gemacht. Hier fanden wir auch 2 Karabiner einer vorherigen Begehung die an diesem Punkt nochmal abgeseilt und ihr Glück in einem anderen Risskamin gesucht hat.

Schwierige Kletterei im linken der 3 Risskamine

Am Ende des Risskamins wird das Gelände wieder Flacher und in einer langen Seillänge (60 mt.) klettern wir bis zu einem kleinen Türmchen. Hier ist ein erster Spreizschritt zur gegenüberliegenden Wand erforderlich. Jetzt geht es in genüsslicher Kletterei immer um den IV. Grad herum einige Seillängen immer direkt an der Kante entlang nach oben. Hier sind viele Varianten möglich, hin und wieder steckt ein Haken. Aber im Großen und Ganzen gilt es einfach Meter zu machen und der einfachsten Linie zu folgen.

Bester Palafels in der oberen Wandhälfte

Bald gelangt man zu einem weiteren Türmchen. Hier muss zunächst einige Meter abgeklettert werden (brüchig). Es folg ein zweiter Spreizschritt, bevor es wieder genüsslich in bestem Fels und angenehmen IVer Gelände nach oben geht. Bald wird das Gelände wieder flacher und man befindet sich auf der 3. Gratschulter. Auch hier befinden sich nochmal 2 super Biwakplätze (einer direkt am Beginn des letzten großen Grataufschwunges und ein zweites etwas unterhalb).

Kurz unterhalb der Schlüssellänge (V)

Jetzt sieht man sich direkt im Angesicht des letzten Grataufschwungs wo auch die vermeintliche Schlüssellänge der Tour wartet. Vom letzten Biwakplatz sind wir direkt leicht rechts der Kante nach oben geklettert. Oben sieht man bereichts leicht rechts ein Rissverschneidungssystem und eine Kanzel die angepeilt werden muss. In 3 wunderschön zu kletternden Seillängen (IV, V und nochmal V) gelangt man auf die Kanzel.

Am Beginn der Schlüssellänge - mit einem eingeritzten Pfeil nach rechts absteigend markiert

Ein eingeritzter Pfeil weist nach rechts, wo kurz abgeklettert wird um in einen steilen Riss zu gelangen. Alternativ kann auch vom Stand direkt in eine Platte geklettert werden um mittels einiger wilder Schlingen weiter oben nach rechts in den Riss zu queren. Einfacher dürfte aber auf alle Fälle die Variante: erst abklettern und dann direkt über den Riss nach oben sein. Hier stecken einige alte Holzkeile, die erstaunlicherweise ziemlich vertrauenswürdig ausschauen.



Außerdem stecken einige Nägel und der Riss lässt sich perfekt mit Friends absichern und somit locker auch in technischer Kletterei überwinden (VI+ oder V A0). Der nächste Stand befindet sich nach 25 mt. an zwei Nägeln. Es folgt nochmal eine schwierigere Seillänge (V+) weiter entlang dem Riss. Stand nach 25mt. links vom Riss auf einem kleinen Absatz.



Danach geht es wieder zurück in den Riss und dann zwar weiterhin steil, aber nicht mehr so schwierig (IV) nach oben bis zu einem kleinen Absatz (Stand an zwei Nägeln).

Der Gipfelgrat mit atemberaubenden Tiefblicken über die 1600mt. abfallende Nordflanke des Monte Agner

Es folgt nochmal eine leichtere Seillänge (III) 30mt. bis zu einem weiteren Absatz kurz unterhalb eines letzten steilen Wandteils. Hier folgt man zunächst einem Riss der rechts vom Stand beginnend leicht schräg nach links oben verläuft (einige Sanduhren) direkt auf ein kleines gelbes Dach zu und kurz unterhalb dieses Daches kurz nach rechts (2 Nägel) und über einen kurzen Riss nach oben zum nächsten Stand (2 Nägel – V+). Die letzte schwierigere Länge geht vom Stand weg nochmal anspruchsvoll ca. 10mt. gerade nach oben (4-5 Nägel) bevor das Gelände langsam nach hinten liegt und das Ende des letzten Grataufschwunges erreicht ist. Jetzt geht es nur mehr ca. 200mt. auf einem breiteren Gratrücken (II-III) bis zu einem großen Geröllfeld seilfrei weiter. Am hinteren Ende dieses Geröllfeldes (rechts vom Gipfel) gelangt man auf den klettersteig über den man die letzten paar Höhenmeter bis zum Gipfel gelangt.

Die letzten Meter Genuss-Pur bis zum Gipfel

Am Gipfel nach 16 Stunden reiner Kletterzeit

Der Abstieg verläuft entlang des Klettersteiges in ca. 0.5h bis zum „Biasin Biwak“.

Bivacco Biasin

In weiteren 1.5h gelangt man bis zum Rifugio Scarpa. Der Hüttenwirt ist selbst ein passionierter Kletterer und so ist es für ihn selbstverständlich, dass er uns in einer kleinen Almhütte kurz unterhalb des Rifugio einquartiert. In der kleinen Hütte befinden sich im oberen Geschoss 2 kleine Zimmer mit Matratzen die wir benützen dürfen.

Die kleine Hütte unterhalb des Rifugio Scarpa wo wir übernachten durften

Am nächsten Morgen steigen wir weiter ab bis nach Frassene (1h) und per Autostop zurück zum Ausgangspunkt ins Valle di San Lucarno. Wobei wir den verschiedenen Mitfahrgelegenheiten immer wieder von unserem Abenteuer erzählen dürfen: Die Einheimischen kenn die Tour alle und sind begeisterte Zuhörer. Die Kletterer in Belluno sagen: Wer den Eiger klettern möchte muss zuerst die Nordkante des Monte Agner klettern.

Per Autostopp zurück ins Valle di San Lucarno

Topo: Monte Agner - Nordkante (VI+)


Quelle: Dolomiten Vertikal - Band Süd


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Monte Agner
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Tags: Alpinklettern, Italien, Dolomiten, Palagruppe, Monte Agner, Nordkante, längste Route in den Dolomiten

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