Piz Badile - Cassin (VI)


Sasc Fura Hütte und die Nordkante des Piz Badile im Hintergrund

Riccardo Cassin hatte ein Gespür für schöne Kletterlinien, die allesamt große Klassiker geworden sind. So auch seine Tour an der Nordostwand des Piz Badile. Die Erstbegehung dieser Route 1937 zusammen mit seinen Freunden Vittorio Ratti und Gino Esposito wurde allerdings zu einem Wettlauf um Leben und Tod. Die Kletterer Mario Molteni und Giuseppe Valsecci werden der starken Seilschaft vom Unwetter quasi in die Hände gespült. Nach einem 3 tägigen Überlebenskampf im Wettersturz kamen Molteni und Valsecci beim Abstieg vor Erschöpfung ums Leben. Cassin bestand darauf, dass die beiden zu den Erstbegehern gezählt werden sollen und hatte erst kurz vor seinem Tod die wahren Begebenheiten verraten.




Bei schönem Wetter und aufgrund der mit Bohrhaken sanierten Stände kann man sich dieses Drama kaum vorstellen. Aufgrund der Nähe des Berges zur heißen Po Ebene gibt es am Piz Badile jedoch häufig Gewitter die extrem ausfallen und diese möchte sicher niemand in der abweisenden Nordostwand aussitzen.




In den ersten Seillängen

Feinster Granit in der Cassin am Piz Badile

Aufgrund des Felssturzes am Piz Cengalo, der das gesamte Bondascatal und Teile des Dorfes Bondo verwüstete und sogar 8 Menschenleben kostete, war die Sasc Fura Hütte das ganze Jahr 2018 über Geschlossen. Mittlerweile wurde ein neuer Weg angelegt und die Hütte hat den Betrieb wiederaufgenommen. Über diesen neuen Weg gelangen wir etwas umständlich aber dafür bereits ordentlich begehbar in ca. 4 Stunden zur Hütte. Der Piz Badile thront bereits beim Zustieg gut sichtbar hinter der Hütte und zeigt sich mit der kühnen Nordkante von seiner besten Seite. Noch am Abend studieren wir im Hüttenbuch die Einträge der einzelnen Seilschaften und ihrer Vorhaben und stellen fest, dass es entgegen unserer Erwartungen in etwa 50-50 zwischen Cassin und der Nordkante aufgeteilt ist. Zudem sind einige Seilschaften an der Hütte vorbeigeschlichen um sich die 2 Stunden Zustieg am nächsten Tag zu verkürzen und früher am Einstieg zu sein. Wir rechnen mit 10-11 Seilschaften in der Route.




Die Schlüssellänge

Der Wecker läutet um 3:45 Uhr. Als wir uns zum Frühstück um 4 begeben starten die ersten Seilschaften bereits mit dem Zustieg. Wir lassen uns etwas Zeit und hoffen bei 2h Zustieg noch einige Seilschaften überholen zu können. Das gelingt uns dann auch und wir können hinter 4 Seilschaften einsteigen. Anfangs wird noch teilweise zu dritt nebeneinander geklettert und irgendwann sortiert sich das Ganze. Die langsameren Seilschaften verlieren ziemlich schnell den Anschluss und vorne klettern zum Glück ausschließlich recht flotte Teams.


Das Schneefeld am Einstieg war einige Tage zuvor nach unten gerutscht und über die gesamte Tour inclusive Abstieg konnten wir unsere Steigeisen im Rucksack lassen. Nach einer kurzen Abseilstelle (kann auch abgeklettert werden – ca. III) queren wir zum Einstig – der Originaleinstieg vom Gletscher direkt hoch wird nicht mehr geklettert. In wunderschönen Kletterpassagen geht es Seillänge für Seillänge nach oben. Der Fels ist meist Bombenfest und trotzdem passiert dem Vorsteiger der Seilschaft hinter uns das Missgeschick: Er stürzt samt ausgebrochenem Griff ins Seil und verletzt sich leicht. Unter Schmerzen kann er zwar weiterklettern aber ihr Tempo hatte nachher deutlich gelitten und wir haben sie bald aus dem Blickfeld verloren.



Die eigentliche Schlüssellänge - Früher von Cassin noch mit III+ bewertet

Vor uns klettert eine Seilschaft aus Wales. Sie haben noch ein gewaltiges Pensum vor sich: nach der Route wollen sie über die im Abstieg anspruchsvoll zu bewältigende Nordkante abseilen, nach Bondo absteigen und nach Chamonix fahren um am nächsten Morgen den Zug nach Hause zu erreichen. Sie klettern recht flott und lediglich an den Schlüssellängen müssen wir uns etwas gedulden. Wir genießen die Wartezeiten in der Sonne und freuen uns über die angenehmen Temperaturen in der Wand. Immer wieder sind im Topo die Biwakplätze von Cassin vermerkt. Und immer wieder versuchte ich mir vorzustellen wie das wohl damals gewesen sein muss. Schwierig, wenn man an diesen historischen Punkten mit dem T-Shirt steht und sich versucht in das Drama von damals hineinzuversetzen.

Die Kletterei ist abwechselnd und schön, die schwierigen Seillängen lassen sich zusätzlich zu den vorhandenen Nägeln noch sehr gut mit Friends absichern und die Standplätze sind mit Bohrhaken ausgestattet worden. Eine Seillänge im obersten Wandteil wird uns allerdings in Erinnerung bleiben: In einem V-Förmigen Kamin gilt es sich mit vollem Körpereinsatz gegen die beiden Wände zu spreizen und sich mühsam Zentimeter für Zentimeter an den beiden Griff- und Trittlosen Wänden nach oben zu mergeln. Von Cassin wurde diese Länge damals mit III+ bewertet. Heute ist sie mit 5b angegeben. Viel Spaß den Hallenkletterern die 5b´s an Plastikgriffen gewohnt sind.


Plank am Gipfel des Piz Badile

Nach dieser Seillänge sind es nur mehr 4 Längen bis zur Nordkante und über diese geht es nochmal in ca. einer halben Stunde zum Gipfel. Wir genießen unseren Gipfelsieg und lassen uns ordentlich Zeit. Beim Blick hinunter über die Nordostwand sehen wir Seilschaften die sich noch im untersten Wandteil befinden. Wir können uns nicht vorstellen, dass sie es noch vor Einbruch der Dunkelheit bis zum Gipfel schaffen. Hier befindet sich eine rettende Biwakschachtel die sicherlich öfters in Anspruch genommen wird.

Für den Abstieg haben wir uns gegen das Abseilen über die Nordkante entschieden. Uns wurde von mehreren Seiten davon abgeraten, da sich Seile verhängen und die Wegfindung schwierig ist, wenn man nicht genau weiß wo sich die Stände befinden: mal links und mal rechts der Kante. Deutlich angenehmer ist der Abstieg auf der Südseite des Berges hinunter zum Rifugio Gianetti oberhalb des Val di Mello. Hier wurde eine neue Abseilpiste eingerichtet über welche man zügig am Wandfuß angelangt und zur Hütte spazieren kann.

Das Panorama vom Rifugio Gianetti - hier warten noch viele schöne Touren

Auf der Sasc Fura Hütte haben wir uns mit Hans Berger angefreundet. Ein Schweizer Bergführerurgestein (Jahrgang 1948) der zudem 34 Jahre lang als Hüttenwirt auf der Salbithütte gearbeitet hatte. Auf der Gianettihütte treffen wir uns wieder und organisieren zusammen ein Taxi, das uns vom italienischen Val di Mello zurück nach Bondo zu unseren Autos bringt und uns den 6 Stündigen Rückweg über den Trubinascapass erspart.


Abstieg ins Val di Mello

Wieder in Bondo wandert der Blick nochmal hoch zum mächtigen Granitblock des Piz Badile und mit den Erinnerungen dieser phantastischen Tour stoßen wir mit einem interessanterweise kühlen Bier an, das wir im Auto gelagert hatten.


Topo: Piz Badile - Cassin (VI)


Abstieg auf die Italienische Seite: (Abseilen über die Nordkante ist extrem mühsam, zeitaufwändig und unübersichtlich - wird nicht empfohlen)

Quelle: Hochtouren Topoführer - Bündner Alpen


GPX Daten:

Piz Badile
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Tags: Alpinklettern, Schweiz, Bergell, Granit, die großen Nordwände der Alpen, Piz Badile, Nordwand, Cassin

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