Westliche Zinne - Cassin (VI/A0)



Es ist Ende Juli, eigentlich die Hochsaison für Routen an den Nordwänden der drei Zinnen. Der Wetterbericht ist ebenfalls gut, zwar bewölkt, aber nicht kalt und nicht windig. Vor allem aber auch nur geringe Gewittergefahr ist prognostiziert. So staunen wir nicht schlecht als wir am Einstieg der Cassin unter der Nordwand der westlichen Zinne stehen und keine Menschenseele weit und breit zu sehen ist. Die Cassin an einem lauen Julisonntag nur für uns allein. Was für ein Glück.



Der Zustieg von der Auronzohütte (Maut Stand 2020: 30 € - Tendenz in den letzten Jahren ständig steigend) verläuft im Uhrzeigersinn herum um die Zinnen zunächst auf dem Steig Nr. 105 auf die Forcella de l´Col de Mèdo und danach über Steigspuren in den Geröllfeldern am Zinnenkopf vorbei und zum Schluss etwas mühsam hinauf zum Einstieg. Dieser befindet sich ganz rechts in der Nordwand wenn man in die Wand hinaufschaut.



Auf einem breiten Band gehts los. Hier sollten 2 Bohrhaken sein, die wir nicht finden, überhaupt sind wir uns nicht ganz sicher ob wir das richtige von mehreren Bändern für den Start gewählt haben. Aber ist auch nicht so wichtig, das Gelände ist hier überall ziemlich ähnlich. Eigeninitiative bei der Absicherung ist sowieso gefordert und so peilen wir einfach den großen gelben Turm ober unseren Köpfen an, hier wissen wir, dass wir direkt links vorbei müssen. Und tatsächlich dauert es nicht lange und wir finden die ersten Standplätze und sind auf der richtigen Fährte.




Die ersten Längen sind sehr gute Aufwärmlängen und die Schwierigkeiten noch recht moderat. Es geht hinauf bis zu einem Band wo sich die Cassin und die Scoiattoliführe trennen. Die Scoiattoli verläuft gerade weiter über die beeindruckende, steile und überhängende Kante, während die Cassin nach links über das Band verläuft. Nach 10 Meter Bandquerung beginnen die Schwierigkeiten. Von diesem Punkt aus deutlich erkennbar an den zahlreichen Haken in allen Formen, Farben und Zuständen. Verziert und nach unten verlängert mit Seilstücken, Schlingen, Schnüren, Schuhbändern und mit Knöpfen versehen um ein technisches vorankommen angenehmer zu machen.




Bevor wir in die 6. Seillänge einsteigen nochmal der Check des Wetters. Es hat inzwischen zugezogen und ein leichter Wind ist aufgezogen. Genau wie es auch der Wetterbericht vorhergesagt hat. Somit vertrauen wir den Prognosen und klettern weiter. Dieser Check ist in dieser Hinsicht wichtig, weil ein Rückzug ab diesem Punkt eigentlich nicht mehr möglich ist. Ich kann es mir zumindest nicht vorstellen und möchte es ehrlich gesagt auch nicht herausfinden.



Jetzt wirds erst mal ordentlich steil. Frei geklettert wird die Schwierigkeit im VIII. Grad angegeben. Wir fackeln hier - wie vermutlich die meisten - nicht lange herum und ziehen das an was wir gerade in die Finger kriegen. Meist irgend ein altes Seilstück, das von irgend einem spannenden Haken herunterhängt. Zur reinen Fortbewegung halten die Haken ohne Probleme und das obwohl sich einige wirklich in einem historisch sehr interessantem Zustand befinden. Für einige dieser Prachtstücke wäre ein Sturz vermutlich zu viel. Jedoch auch das würde aufgrund der großen Anzahl der Haken und des steilen Geländes eigentlich kein Problem sein - vorausgesetzt man beherrscht die Technik des selbst nach oben Prusiken.



Nach zwei sogar in technischer Kletterei anstrengenden Längen erreichen wir das berühmte und fotogene Querband in der 8. Seillänge. Hier wird das Gelände wieder etwas gutmütiger und die Querung selbst ist einfacher als die Längen vorher. In einer langen Seillänge queren wir das gesamte Band (Seillänge 8 und 9 - 45mt.) bis es wieder senkrecht nach oben geht. Es stecken nach wie vor jede Menge Haken, ab hier sind die Schwierigkeiten aber wieder deutlich innerhalb unseres Freikletterkönnens und so kommen wir rasch durch die nächsten 2 Seillängen (VI- und V+).



Es folgt die im Topo mit "letzte andauernde Schwierigkeiten" und V+ A0 bewertete 12. Seillänge. Hier befindet sich nochmal eine knifflige Stelle, wo einige Züge frei zu klettern sind, die definitiv schwieriger als V+ sind. Sobald man auch das überwunden hat, sind die größten Schwierigkeiten dann auch tatsächlich überwunden.





Zu Belohnung darf man in der folgenden Länge einmal durch die Dusche und quert den Wasserstreifen, der meistens auch Wasser führt, nach links. Dann wieder schnurgerade hoch bis unter einen gelben Überhang zum Stand. Es folgt wieder eine einfache und kürzere Querung nach links (ca. 20mt.). Jetzt muss nochmal der Bizeps für 2-3 Züge kurz ordentlich angespannt werden um über das kleine Dächlein zu kommen bevor es über schwarze Platten und Verschneidungen immer links vom Wasserstreifen nach oben geht.



Einige Längen sind hier ziemlich lange nass und feucht, dafür sind die Schwierigkeiten nicht mehr höher als V. Trotzdem erscheinen uns auch diese V-er und auch die IV-er Längen keineswegs geschenkt und erfordern weiterhin die volle Konzentration. Nach einer letzten feuchten Verschneidung in der 20. Seillänge erreichen wir ein breites Band, eine Rampe nach rechts und nach einer kurzen einfachen III-er Verschneidung stehen wir müde aber überglücklich am Ringband.



Das Wetter schaut noch recht stabil aus und so beschließen wir weiter auf den Gipfel zu gehen. Nachdem wir dem Ringband ein Stück gegen den Uhrzeigersinn gefolgt sind, treffen wir auf die roten Markierungen des Normalweges. Nach rund 20 Minuten stehen wir am höchsten Punkt der westlichen Zinne. Wir resümieren über die Tour und sind uns einige: Was für eine coole und beeindruckende Route.




Topo: Westliche Zinne - Cassin (VI/A0)

Quelle: Klettern in Cortina d´Ampezzo und Umgebung (Mauro Bernardi)


Infos:


Zustieg: 40 min

Kletterroute: 6-8 Stunden

Abstieg: 1-2 Stunden

GPX Daten:

Westliche Zinne
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Tags: Alpinklettern, Südtirol, Dolomiten, Drei Zinnen, Westliche Zinne, Cassin, Topo

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